Neues Jahr, neues Glück. Doch wie findet man es? Ein Gespräch mit dem St.Galler Glücksforscher und Dozent Sigmar Willi.
Bewusst geniessen und der Freizeitstress verschwindet
«Wir Schweizer sind gut im Erzeugen von Wohlstand. Wenn es jedoch ums Geniessen geht, sind wir ein Entwicklungsland.» stellt der Ökonomieprofessor Mathias Binswanger fest. Damit meint er wohl, dass viele Menschen sich auch in der Freizeit stressen – es droht, die im Lockdown zum Genuss gewordene Langsamkeit wieder zu verlieren.
Denn sind wir im Alltagstrott, übertragen wir häufig die schnelle Gangart der Arbeitswelt in die Freizeit. Im Sport Dauerleistung bringen, News und Social Media im Eilzugstempo konsumieren, die neuste Netflix-Serie anschauen, schnell noch was online shoppen – und schon ist er da, der Freizeitstress.
In der Positiven Psychologie wird zwischen Genuss- und Belohnungshandlungen unterschieden. Die positive Wirkung entfaltet sich bei den beiden auf unterschiedlichem Weg. Genusshandlungen werden als Freuden mit spürbar sinnlichen und stark emotionalen Komponenten definiert. Unsere Sinnesorgane werden aktiviert und direkt mit positiven Emotionen verbunden. Sie sind meist kurzlebig und mit wenig oder gar keinem Denken und Deuten verbunden. Grundsätzlich sollten wir so oft wie möglich Genusshandlungen anstreben, da die daraus resultierenden positiven Emotionen unser Gesamtsystem stärken. Damit Vergnügungshandlungen auch gute Gefühle auslösen, gilt es zwei grundlegende Mechanismen zu beachten. Der erste wird in der Wissenschaft Habituation oder Gewohnheitseffekt genannt. Gemeint ist damit, dass jeder Genuss sich bei wiederholter Ausführung abnutzt und die Wirkung nachlässt, ja sogar kontraproduktiv wird. Dies trifft auf alle sinnlichen Erfahrungen zu: Spätestens nach dem dritten Eis ist der Genuss vorbei. Tägliche Restaurant- oder wöchentliche Musicalbesuche nutzen sich ab. Nebst körperlicher oder geistiger Sättigung kommt ein Hirnmechanismus zur Anwendung, der uns Routinen austreiben und zur Weiterentwicklung anregen soll: Nervenzellen springen grundsätzlich stärker auf neue Ereignisse an, bereits Bekanntes wird übergangen. Derselbe Reiz ist nur über eine Genusspause zu erzielen. Man gewöhnt sich schnell an Vergnügungen und kommt nur über Enthaltsamkeit wieder zur selben Erfüllung. Ausser man erhöht die Dosis – das nennt man dann Suchtverhalten. Mässigung heisst also das Stichwort. Tönt altbacken und langweilig, ist aber unerlässlich für guten Genuss.
Der zweite Mechanismus, um positive Emotionen auszulösen, ist das Auskosten. Es geht darum, den lustvollen Genuss bewusst zu machen und die Aufmerksamkeit willentlich auf die Erfahrung von Vergnügen zu lenken. Das Tempo des modernen Menschen ist sehr hoch, stets mit der Motivation, Zeit zu gewinnen für weitere Aktivitäten. Das Ergebnis: Wir verlieren genau die Zeit, den Moment auszukosten. Aus diesem Teufelskreis führt häufig nur die Reduktion der Ereignisse je Zeiteinheit hinaus. Nur so ist wiederum eine Konzentration auf das momentane, spontane Erleben möglich. Im Hier und Jetzt mit ungeteilter Aufmerksamkeit den Moment genussvoll zu zelebrieren, ist eine Kunst geworden. Sie lässt einen die kleinen Freuden des Alltags gross erscheinen und führt zu Zufriedenheit mit sich, dem Umfeld und dem Leben. Verzichten wir lieber auf einige Aktivitäten und machen die richtig, die uns Freude bereiten.
Vergebung ist das Merkmal der Starken
Mahatma Gandhi wollte mit diesem Satz kaum sagen, dass nur sehr selbstbewusste Menschen vergeben können, sondern eher dass es eine besondere Art der Willensleistung braucht, um Menschen zu verzeihen. Im Zeitalter von «hating», «dissing», «#dumachstwasfalsch», wie auch im Kontinuum von politischer Polarisierung zu übersteigerter politischer Korrektheit, erscheint mir diese Charaktereigenschaft umso wichtiger zu werden.
‚Vergässä und vergäh‘ war als Kinder unser Leitmotto auf dem Spielplatz. Uns war bewusst, dass in der Hitze des Gefechts Rempler, Schürfungen oder auch mal ein böses Wort dazugehörten. Diese Worte oder diese Haltung beruhigten die Gemüter schnell wieder – man brauchte ja jeden für Räuber und Poli oder Völkerball. Nun, als längst Erwachsene, vergeben und vergessen wir immer noch so leichten Herzens?
Bleiben wir in unserem nächsten Umfeld. Wie steht es um die Versöhnungsbereitschaft, wenn Nachbarn sich wegen Bäumen oder Lärm in den Haaren liegen oder sich Erben jahrelange Grabenkämpfe liefern? Häufig hinterlassen diese Auseinandersetzungen Wunden, die kaum mehr heilen. Weil keiner dem andern vergeben mag.
In der Positiven Psychologie wird ein Schwergewicht auf stärkende Denkhaltungen, Einstellungen und Verhaltensweisen gelegt. Bezüglich der Zeitmodalität Vergangenheit sind Themen wie Stolz, Genugtuung, Dankbarkeit, Zufriedenheit, Erfüllung, Behagen oder eben Vergebungsbereitschaft wichtig für den Beitrag zu einer positiven Grundstimmung im Leben. Bitterkeit, Hass, Unversöhnlichkeit oder rachsüchtige Wut wirken sich negativ aus. Der Schlüssel zum Verständnis unserer vergangenheitsbezogenen Gefühle ist, dass alle Emotionen über die Vergangenheit durch Denken und Deuten ausgelöst werden. Damit haben wir es über unsere Willensleistung in der Hand, wie wir die Vergangenheit interpretieren und welche Gefühle wir fördern wollen.
Der Prozess des Vergebens beispielsweise beinhaltet die Veränderung eigener Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen gegenüber Menschen, deren Worte oder Handlungen als verletzend erlebt wurden. Vergebungsbereitschaft heisst, Menschen eine zweite Chance zu ermöglichen und einen Neuanfang zu wagen. In unserem Erwachsensein stellt die Beziehung zu den eigenen Eltern für viele eine Herausforderung dar. Sinnvoll und von grosser Wirkung ist es, den Eltern ihre Fehler zu verzeihen. Eltern handeln meistens mit guten Absichten und versuchen ihr Bestes zu geben. Das reicht nicht immer. Weil Erziehen so schwierig ist. Auch wenn gefühlt oder tatsächlich grosses Unrecht geschehen ist, kommt meine Seele besser im Leben zurecht, wenn ich Gründe für das Fehlverhalten finde und verzeihe. Das hat nichts mit Gutheissen zu tun. Ich befreie mich von einer persönlichen Last, indem ich vergebe und mich damit vom Geschehenen löse. Ein erneutes Annähern wird somit möglich. «Du kannst den Täter durch Nicht-Vergeben nicht treffen, aber dein Vergeben kann dich selbst befreien.», sagt der Spezialist auf dem Gebiet der Vergebungsforschung, Psychologieprofessor Everett Worthington. Vergeben heisst nicht ausradieren, sondern bedeutet die Umetikettierung einer Erinnerung.
Warum ist es so schwierig zu vergeben? Vergeben wird häufig als ungerecht empfunden. Strafe muss sein, Rache ist süss und das Opfer hat Mitgefühl verdient. Wie geht nun Vergeben, eine der schwierigsten Interventionen der Positiven Psychologie? Das Wichtigste vorweg: Es ist ein innerer Prozess. Am Ende kann ich im stillen Dialog dem Anderen sagen, dass ich ihm vergebe. Selten ist es sinnvoll, jemanden persönlich zu sagen: «Ich vergebe dir.» Oft ist sich die andere Person gar keiner Schuld bewusst. Oder wenn sie es ist, kann die direkte Konfrontation sogar kontraproduktiv wirken, wie beispielsweise beim Eingeständnis eines Seitensprungs. Wer fremd geht, es gesteht oder erwischt wird, weiss sich in der Schuld. Wird ihm oder ihr vom Partner mit obigem Satz vergeben, stellt sich der Vergebende unbewusst über den andern. Die Augenhöhe geht verloren. Der Betrogene hat etwas zu gut, der andere schuldet. Dies führt zu Distanz oder langfristig sogar zur Abwendung. Der bessere Weg ist, nach der ersten Enttäuschung und Wut, Gründe für das Verhalten des Untreuen zu suchen. Ist die Liebe noch da und sind beide zu Verhaltensänderungen bereit, reicht ein inneres Vergeben. Daraus entsteht eine positive Energie, die sich auf den Partner überträgt und der Beziehung neue Kraft verleiht oder dann zu einem fairen Abschluss führt.
Vergeben ist neben Dankbarkeit die wichtigste Stärke im Umgang mit der Vergangenheit. Wir Menschen können über unsere Denkhaltung bestimmen, in welchem Licht wir das Vergangene sehen wollen. Der berühmte Psychologe Martin Seligman geht so weit zu sagen: «Die eigene Lebensgeschichte unter dem Aspekt der Vergebung neu zu schreiben, schwächt die Macht der schlechten Ereignisse, die uns mit Bitterkeit erfüllen. Und dies kann tatsächlich aus schlechten Erinnerungen neutrale oder sogar gute machen.»
SRF1-TV-Persönlich von Daniela Lager mit Sigmar Willi
Humor – Lebenselixier und Schutzschild
Lehrer: «So Tom, du gehst jetzt vor die Tür – dein Gelaber interessiert keinen!» Schüler: «Dann können Sie ja gleich mitkommen!» Beim Wort Humor denken wir an Witze oder lustige Geschichten. Doch die Humorforschung ist vielschichtig und nimmt in der Positiven Psychologie einen wichtigen Stellenwert ein.
Eines Morgens verkündete meine Büronachbarin, sie habe beschlossen, Witze zu lernen, um dann gleich einen zum Besten zu geben: Zwei Frauen unterhalten sich. Sagt die eine: «Mein Mann ist durch mich Millionär geworden.» – «Was war er denn vorher?» – «Multimillionär». Wir lachen beide herzhaft. Wieso kommt meine Mitarbeiterin mit Mitte Dreissig urplötzlich auf die ausgefallene Idee, Witze erzählen zu wollen? Meine Vermutung geht dahin, dass sie als frischgebackene Mutter und teilzeitarbeitende Hausfrau mit einem langen Pendlerweg nicht mehr das gleich einfache Leben führte wie noch in ihren Zwanzigern. Als optimistischer Mensch war dies eine ihrer Antworten, sich den gestiegenen Anforderungen des Lebens zu stellen. Im Einklang mit der historisch breiten Bedeutung von Humor als Gabe eines Menschen, der Unzulänglichkeit der Welt und der Menschen sowie den Schwierigkeiten und Missgeschicken im Alltag mit heiterer Gelassenheit zu begegnen.
Humor lässt sich trainieren und wirkt unmittelbar auf eine heitere Stimmung, die Stärkung des Immunsystems, die Stressreduktion, die Kommunikationsfähigkeit und vieles mehr. Kurzfristig steigt bei humorvollen Personen oder in humorvoller Umgebung das Wohlbefinden, langfristig Resilienz und Lebenszufriedenheit.
Eine humorvolle Person ist jemand, die Lachen und das freundliche Aufziehen anderer im Blut hat, ihre Mitmenschen durch witziges Verhalten zum Lachen bringt und das Leichte im Leben sieht. Interessanterweise korreliert Humor als positive Eigenschaft nur gering mit Ironie, Nonsense und Satire. Bei Sarkasmus, Zynismus und Spott ist die Beziehung sogar negativ. Humor ist sehr vielschichtig und jede Person hat eine andere Disposition dazu. So ist es auch möglich, dass unter gewissen Umständen sogar Sarkasmus oder Zynismus das Leben erleichtern kann, wie der Psychoanalytiker Victor Frankl über seine Zeit in Nazi-Konzentrationslagern schreibt. Wer wie er sein hartes Schicksal auf eine distanziertere Ebene heben kann, erleichtert sein Los. Meine Mitarbeiterin wollte also ihre Fähigkeit, Humor zu erzeugen, stärken. Welche anderen Methoden gibt es, ausser Witze vorzutragen, was bekanntermassen nicht jedermanns Sache ist? Grundsätzlich fördert Kreativität die Möglichkeiten, humorvolle Situationen zu erkennen oder selber zu erzeugen. Gelassenheit und ein positives Menschenbild machen es ebenfalls einfacher. Die Universität Zürich hat, in Anlehnung an den führende amerikanischen Humorforscher Paul McGhee, ein zweimonatiges Humortraining entwickelt und an Trainingsgruppen ausprobiert. Das Ergebnis: Der Sinn für Humor lässt sich tatsächlich verbessern. Beginnen wir mit der Haupterkenntnis, dass es wichtiger ist, Spass zu haben, als spassig zu sein. Hier gilt es herauszufinden, welche Cartoons, Witze, Komikerin oder Filme ich lustig finde und warum. Humor wird ausserdem mit einer spielerischen Grundhaltung gegenüber dem Leben gefördert. Gut trainierbar ist, in der Sprache nach Mehrdeutigkeit in Wörtern und Sätzen zu suchen. Etwas anstrengender ist das Witztagebuch, wo Sie alles notieren, was Sie lustig finden.
Über sich selbst lachen, ist nicht einfach, aber eine der effizientesten Humorformen. Sie können das üben, indem Sie etwas an sich, dass Sie gar nicht mögen, anderen gegenüber möglichst übertrieben darstellen: Meine Waage schreit regelmässig, man solle nicht zu zweit auf sie stehen! Am schwierigsten ist es wohl, den Sinn für Humor im Stress zu behalten – Erinnerungssymbole am Arbeitsplatz wie Spruchkarten, lustige Figuren oder Fotos können hier helfen, unmittelbar Distanz zu gewinnen.
Achtsamkeit – was steckt hinter dem Modewort?
Nach dem Aufstehen gehe ich zum Fenster und schaue lange aufs Meer hinaus, setze einen Filterkaffee auf und beobachte, wie das Wasser durch das Kaffeepulver läuft. Mit der Tasse in der Hand schlendere ich zur Terrasse, mache zuerst ein paar Atem- und Dehnübungen und beginne dann mein viertelstündiges Tai-Chi-Programm. Dann richte ich mir, tiefenentspannt, ein gesundes Frühstück und esse es langsam mit Genuss. So beginne ich die meisten Ferientage.
Ich wache auf, schaue auf die Wetter-App und in der Nacht reingekommene Kurznachrichten, gehe unter die Dusche und überlege mir, was ich heute anziehen soll. Ich eile zum Bus, blättere die Gratiszeitung durch. In der Kantine kaufe ich mir ein Sandwich und verschlinge es, während der Computer hochfährt und ich die ersten E-Mails lese. Dass ich Kaffee dazu trinke, merke ich gar nicht. So beginne ich die meisten Arbeitstage und frage mich abends er-schöpft, wieso um alles in der Welt ich nicht fähig bin, mehr wohltuende Ferienangewohnheiten in meinen Alltag zu integrieren.
Wir wüssten alle recht gut, wie das geht. Haben es auch schon ein paarmal hingekriegt – das mit dem achtsamen Umgang mit uns selbst und der Umwelt. Warum ist es dennoch so schwierig, unser Verhalten dauerhaft anzupassen? Verhaltensänderungen sind sehr anspruchsvoll. Der Gründe sind viele: Menschen sind Gewohnheitstiere. Etwas zu verändern ist anstrengend und zudem noch mit der mühseligen Eigenschaft der Selbstreflexion verbunden. Die Stärken Disziplin und Selbstregulation sind in der Wissenschaft als klare Treiber von Lebenszufriedenheit definiert, muten in ihrer Anwendung aber wenig sexy an. Kommt dazu, dass unser Hirn uns wenig unterstützt beim Versuch, Verhalten dauerhaft zu ändern. Es reagiert nämlich stärker auf neue Reize, als dass es Routinehandlungen belohnt. Und Reize gibt es viele: Nebst Umwelteinflüssen, anderen Menschen und körperlichen Bedürfnissen, lösen un-sere Gedankengänge einen steten Strom von Hirnreizen aus. Und hier setzt die Achtsamkeit ein, als erfolgreiches Mittel gegen diesen Dauerbeschuss an Gedanken.
Haftete diesem Begriff früher das Stigma von Gefühlsduselei, Spiritualität oder sogar Esoterik an, ist Achtsamkeit heute in aller Munde. Megatrends wie der Hollywood-Buddhismus, Yoga, Individualismus, Gesundheitsförderprogramme in Unternehmen oder die erfolgreiche Burn-out-Behandlung mit MBSR (Mindful-based Stress Reduction) haben den Begriff salonfähig gemacht. Der Pionier auf diesem Gebiet ist der Medizinprofessor Jon Kabat-Zinn. Er definiert Achtsamkeit als eine bestimmte Form der Aufmerksamkeit, die sich absichtsvoll auf den gegenwärtigen Moment bezieht und nicht wertend ist. Der Gedankenfluss aus Vergangenem und Zukünftigem wird ausgeblendet, um ganz im Hier und Jetzt zu sein. Es zählt nur die Wahrnehmung. Ziel ist es, den unruhigen Geist zur Ruhe zu bringen und die Umwelt dadurch bewusster wahrzunehmen. Unsere sinnliche Erfahrung wird gefördert und wir lernen den Moment zu schätzen. Die daraus gewonnenen positiven Emotionen und Erfahrungen steigern das Wohlbefinden, erweitern unser Handlungsspektrum und bauen Resilienz auf.
Wie kann ich Achtsamkeit trainieren? Die hardcore-Variante ist, nach Indien in einen Ashram zu gehen und sich monatelang – in schweisstreibender Körperhaltung – in Meditation zu üben. Aufwändig und anstrengend, es geht auch leichter. Versuchen Sie beispielsweise eine Mahl-zeit ganz bewusst einzunehmen. Was sehe, rieche, schmecke, fühle ich bei jedem Bissen? Was verändert sich in meinem Körpergefühl bei fortschreitender Sättigung? Zum Einstieg gut geeignet, ist auch ein Gang durch den Garten, den Wald, an den See, in die Berge oder in die Tierwelt. Und hier, einem kleinen Kind gleich, neugierig alles zu beobachten und zu verweilen. Schauen Sie bei der nächsten Bus- oder Zugfahrt einfach nur zum Fenster raus. Dies kann auch im Büro zwischen zwei Arbeitsschritten zur Gewohnheit werden. Wann immer das Gedankenkarussell nicht zur Ruhe kommen will, hilft es, gedanklich dem Atem zu folgen und dessen Verlangsamung sowie die Bewegung des Bauchraums geniessen zu lernen. Achtsamkeit üben geht einfacher allein und bedingt einen wohlwollenden Umgang mit sich selbst.
«In der Ruhe liegt die Kraft», sagt ein altes Sprichwort. Diese Kraft hilft auch, ungewünschtes Verhalten zu verändern. Als Belohnung winkt ein heiter gelassener Geisteszustand. Vielleicht haben Sie Lust auf ein kleines Achtsamkeits-Experiment kommendes Wochenende, um es nachher in den Alltag zu integrieren?
Wer braucht schon Ziele?
„Wer sein Ziel nicht kennt, für den ist kein Weg der richtige!“ heisst es im Koran. Ein Zucker-säckli-Spruch, den wir alle schon irgendwo gelesen oder gehört haben. Menschen, die davon überzeugt sind, dass ihr Schicksal in anderen Händen liegt, werden ihn kaum goutieren. Auch solche, die nicht gerne planen oder sich schnell mit dem Ergebnis ihrer Anstrengungen zufrie-dengeben. Manche sagen gar, Ziele seien kontraproduktiv, da sie den Handlungsspielraum der Menschen zu sehr einschränken.
In der Betriebswirtschaftslehre sind Ziele eine heilige Kuh; das A und O sowohl strategischer, als auch operativer Planung. Das Erreichen von Unternehmenszielen wie Umsatz, Rendite oder Marktanteile ist zentral für die Weiterentwicklung einer Firma und deren Bewertung an der Börse. Dass neue CEOs dahin tendieren, zuerst bestehende Ziele über den Haufen zu werfen und damit die Sinnhaftigkeit langfristiger Ziele in Frage stellen, wollen wir hier nicht nä-her thematisieren. In der Mitarbeiterführung lautet das Paradigma, dass, wer ein lohnendes Ziel vor Augen hat, von sich aus motiviert ist, eine gute Leistung zu erbringen. Gerne wird dieser Erfolg dann mit der Lohnhöhe verknüpft. Neuere Studien zweifeln allerdings an der leis-tungsorientierten Entlöhnung. Sie sei zu einseitig, da auf von aussen geleitete, materielle Moti-vatoren ausgerichtet, und vernachlässige das Streben der Menschen nach einer sinnstiften-den Arbeit in einem vertrauensvollen Umfeld. Auch hier bröckelt die uneingeschränkte Domi-nanz von Zielen.
Unbestritten ist, dass, je attraktiver uns ein Ziel erscheint, unsere Energie umso stärker ani-miert wird, auf dessen Erfüllung hin zu wirken. In der Motivationslehre sind Ziele zentral. Rat-geberautorinnen, Heiler, Quantenphysiker oder Weise aus alter und neuer Zeit gehen sogar so weit zu sagen, dass die Kraft unserer Gedanken nach der Konkretisierung einer Vision, einer Idee oder eines Ziels fast automatisch an deren Verwirklichung arbeite. Unsere Gedan-ken in Verbindung mit starken Emotionen würden dafür sorgen, dass wir die zur Zielerrei-chung erforderlichen Schritte tatsächlich gingen und zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort auch die richtigen Entscheidungen treffen würden. Als wissenschaftlich erwiesen gilt die aus dem Sport-Mentaltraining bekannte Visualisierungs-Technik. Hier stellen wir uns gedanklich das Erreichen des Ziels mit freudigen Emotionen vor. Ob Ski- oder Bobfahrer, Tennisspieler oder Schwinger – sie alle gehen den Ablauf des Wettkampfes bis zum siegreichen Ende durch, und versuchen, die positiven Emotionen vorzuerleben und abzuspeichern.
Was spricht denn nun gegen Ziele? Gar nichts, wenn bestimmte Regeln beachtet werden. Ziele sollten realistisch, messbar, attraktiv und terminiert sein. Vor allem gilt es, grosse Ziele in kleinere Zwischenziele zu unterteilen. Schon Mitte des letzten Jahrhunderts entdeckten Psychologen den Goal-Gradient-Effekt. Gemäss diesem strengen wir uns umso mehr an ein Ziel zu erreichen, je näher wir ihm kommen. Umgekehrt gilt aber auch, dass wir umso eher aufgeben, je weiter wir vom Ziel entfernt sind. Sind die Pläne sehr ehrgeizig oder langfristig ausgerichtet, steigt die Gefahr, sie nicht zu erreichen. Will ich also 15 kg abnehmen, sollte ich mir eher das Ziel setzen, jede Woche ein halbes Kilo zu verlieren. In der langjährigen Ausbil-dung fokussiere ich mich besser auf die nächsten Prüfungen, als auf die möglichen Stellenop-tionen bei bestandenem Schlussexamen in zwei Jahren.
In der Positiven Psychologie nehmen Ziele einen hohen Stellenwert ein. Es liegt die These zugrunde, dass es allen Menschen guttut, sich wirksam zu fühlen. Dies tun sie vor allem, wenn sie Ziele erreichen. Erfolg per se ist etwas Gutes, das Menschen stärkt. Egal, ob es dabei um das Erreichen von materiellen oder immateriellen Zielen geht. Dieses gute Gefühl haben wir auch, wenn wir ganz einfache Dinge erledigen. Ob wir den Garten umgestochen oder beim Jassen gewonnen haben, immer haben wir uns Ziele gesetzt. Unbewusst auch bei täglichen Routinearbeiten.
Menschen streben nach Leistung, und dieser vorgelagert nach Könnerschaft. Sie wollen sich verbessern oder Probleme lösen. Das funktioniert besser mit Zielen. Keine gute Strategie ist es, sich Ziele ausschliesslich für Machtgewinn zu setzen. Solche Menschen erleben sich als ausgeprägt wirksam, es fehlen aber andere Grundkomponenten für Wohlbefinden, wie das häufige Erleben von positiven Emotionen, Dankbarkeit für das Erlebte oder Erreichte, wie auch Vergebungsbereitschaft gegenüber anderen und insbesondere gute Beziehungen zu den Mitmenschen. So sinkt im privaten Umfeld machtorientierter Menschen die Zufriedenheit naher Verwandten oder Bekannten. Sich von solchen Menschen abzuwenden, kann auch ein sehr lohnendes Ziel sein.
Liebe schenken – wie geht das?
Der Amerikaner sagt gerne mal «I love…» und meint damit Freund, Hund, Auto, Job oder ein-fach seinen Lieblings-Hamburger! Wie so vieles schwappt diese Mode über den grossen Teich und Teenies hierzulande lieben auch schon alles, dass sie eigentlich nur mögen, gern tun oder schön finden. Ich möchte mich hier auf die Liebe zu Personen konzentrieren.
Liebe gelingt Menschen besser, die über die Stärke Bindungsfähigkeit verfügen. In der Positi-ven Psychologie ist sie eine der 24 erstrebenswerten Charakterstärken. Sie bedeutet, menschliche Nähe herstellen und Beziehungen aufbauen zu können, in denen Gefühle erwi-dert werden. Menschen mit dieser Stärke gestalten Beziehungen so, dass sie von Zuneigung, gegenseitiger Hilfeleistung und Akzeptanz gekennzeichnet sind. Und zwar zu beliebig vielen Personen. Es lohnt sich, denn Bindungsfähigkeit korreliert nach einer Studie der Universität Zürich sehr hoch mit Lebens- und – interessanterweise – auch mit Arbeitszufriedenheit.
Was kann man tun, wenn Bindungsfähigkeit nicht gerade zu den eigenen Stärken gehört? Der Weg dahin führt über die Selbstliebe. Lernen, sich selber so anzunehmen, wie man ist, scheint für viele Menschen eine grosse Herausforderung zu sein. Wie gehe ich vor, um mich selbst mehr zu lieben? Zunächst gilt es, sich besser kennen zu lernen. Ich kann mich gar nie richtig akzeptieren, wenn mein Selbstbild nicht der Realität entspricht. Bei andern Menschen haben wir weniger Mühe, Stärken und Schwächen zu erkennen. Mühsame Selbstreflexion hingegen scheuen wir und vertrauen lieber auf die gewohnten Denkmuster über uns selbst, welche oft mit falschen Annahmen unterlegt sind. Um diese loszuwerden, gilt es, sich in Selbstbeobachtung zu üben. Der Möglichkeiten sind viele: Tagebuch schreiben, eigene Emo-tionen wahrnehmen und versuchen zu benennen, Persönlichkeitstests ausfüllen, Fachperso-nen beiziehen. Einfach und effizient ist es, andere Menschen zu fragen, wie sie uns sehen oder in Situationen erlebt haben. Das braucht Mut. Sich entwickeln geht aber nicht ohne Auf-wand. Dafür ist die Belohnung hoch: ein besserer Zugang zu sich selbst und ein klareres Bild der eigenen Stärken. Fokussiere ich nun mein Denken und meine Handlungen mehr auf das, was ich gut kann, ergeben sich mehr Erfolgserlebnisse und die Selbstliebe vertieft sich von alleine. Und damit auch die Bindungsfähigkeit.
In der Paarbeziehung wird die Bindungsfähigkeit öfters auf die Probe gestellt. Hilfreich ist es, den Unterschied zwischen Verliebtheit und Liebe zu kennen. Viele Beziehungen brechen aus-einander, wenn die ersten Schmetterlinge verflogen sind. Verliebtheit dauert zwischen zwei Wochen und gut zwei Jahren. Verhalten und Gefühle, die uns in diesem Zustand bewegen, werden der Jugend zugeordnet: Spontanität, Unsicherheit, Euphorie, Abenteuerlust, Risikobe-reitschaft, Träumerei. Sie halten uns auf Trab, lassen uns lebendig fühlen und versetzen uns in Dauer-Aufbruchstimmung. Kein Wunder, sehnen wir uns danach zurück, wenn die Realität uns eingeholt hat. Wenn wir glauben, den geliebten Menschen nun zu kennen, seine Ecken und Kanten spüren, und dieser morgens auch mal nicht gut aussieht oder riecht.
Dann zeigt sich, ob die neu aufkommenden Liebesgefühle reichen, die Beziehung zu erhalten. Ist es mir wichtig, dass ich mich jemanden anvertrauen kann? Dass ich meine Erfahrungen und Gefühle ungefiltert mitteilen kann? Nehme ich wahr, dass Ausruhen in einem gewohnten Umfeld Geborgenheit bringt und meiner Erholung sehr förderlich ist? Dass ich einen Sparring-partner habe, der mir hilft, im Leben weiter zu kommen? Dass Verständnis, Verbundenheit und Akzeptanz mich stärken? Wenn nicht, dann ist der Übergang von Verliebtheit zu Liebe nicht geglückt.
Was tun, wenn die Partnerschaft grundsätzlich stimmt, aber man Verliebtheitsgefühlen nach-hängt? Seitensprünge oder Affären lassen wir mal beiseite, denn Jugendgefühle können auch anders erlangt werden, wie sich in eine neue Person verlieben. Die Partner sollten tolerant sein, sich viel Freiraum zugestehen und dem andern die Jugendspielwiese gönnen: Sport oder herausfordernde Hobbies bieten sich an, mit Freunden an Konzerte, Partys oder auf Reisen gehen. Es gibt viele Möglichkeiten, auch solche, die man als Paar entdecken kann.
Weihnachten wird auch das Fest der Liebe genannt. Egal ob mit dem Partner, sich selbst oder anderen Menschen – eine gute Gelegenheit, an der Bindungsfähigkeit zu üben.
Neugier schlägt Superfood
Seine Stärken einzusetzen gibt Energie, macht leistungsfähig und erst noch gute Laune. Und dennoch ist die Überzeugung weit verbreitet, dass es sinnvoller ist, den Blick auf die eigenen Schwächen zu richten. Woher nur kommt diese Haltung?
Einerseits ist sie genetisch bedingt, da unsere Vorfahren ihre Wahrnehmung auf negative Reize fokussierten. Probleme schienen dringlicher als Chancen zu sein. Andererseits besteht häufig eine kulturell geprägte Angst vor zu starker Ichbezogenheit und unnötigem Selbstlob. Dies verhindert, dass wir frei über unsere Stärken sprechen. Auch seien uns die eigenen Stärken oft gar nicht bewusst, da die wenigsten in einer positiven Feedbackkultur aufgewachsen sind, meint der amerikanische Wissenschaftler Robert Biswas-Diener.
Jeder Mensch hat sein eigenes Stärkenprofil
In den Anfängen der Positiven Psychologie wurde intensiv über die Stärken, im Sinne von persönlichen, überdauernden Mustern von Gedanken, Gefühlen und Verhaltensweisen geforscht. Der Pionier auf diesem Gebiet, Christopher Peterson von der University of Michigan, führte ein Forscherteam an, das aus einem riesigen Fundus an interdisziplinären Quellen einen Katalog von 24 besonders wichtigen Charakterstärken herausschälte: Von Bindungsfähigkeit über Mut oder Kreativität bis hin zu Humor. Jeder Mensch hat ein individuelles Profil, das sichtbar macht, wie intensiv er die jeweiligen Stärken im Alltag nutzt. Diese Reihenfolge kann sich je nach Umfeld, zum Beispiel in Bezug auf Hobbies oder im Beruf, aber auch im Verlauf der Zeit, verändern. Gelingt es, die wichtigsten Stärken in den Alltag zu integrieren, wird er mehr Flow-Zustände erleben, die Arbeit wird leichter von der Hand gehen und er wird mehr Erfolgserlebnisse haben.
Mit den Ergebnissen aus rund 20’000 Testresultaten zur Evaluation der individuellen Stärken betreibt die Universität Zürich intensiv Forschung. Wollen Sie wissen, welche Stärken Sie im Alltag in welcher Reihenfolge nutzen? Dann füllen Sie den Test unter www.charakterstaerken.org aus!
Neugier als Jugendelixier
Neugier ist eine der Stärken, die besonders hoch mit der Lebens- und Arbeitszufriedenheit einhergeht. Allerdings nicht im Sinne der Gier nach Neuigkeiten, um die Sensationslust zu befriedigen, sondern als Interesse an allen möglichen Dingen des Alltags. Neugierige Menschen stellen Fragen und finden unterschiedliche Themen und Inhalte interessant und faszinierend. Sie erforschen und entdecken gerne die Welt, suchen aktiv nach Abwechslung und Herausforderung. Dies braucht auch mal Mut, neue Wege zu gehen und mögliche Gefahren als Herausforderungen zu betrachten. Ohne neugierige Menschen gäbe es die meisten Errungenschaften der Zivilisation nicht.
Diese Stärke zu nutzen, braucht aber nicht mit einem Adrenalin-Kick versehen zu sein. Ich lese zum Beispiel in der Zeitung gerne so viele Artikel, wie es die Zeit zulässt, unabhängig davon, ob mich das Thema unmittelbar betrifft. Wissbegierig erkunde ich eine neue Stadt oder treffe mich mit einem interessanten Menschen zum Mittagessen – die Neugier kann leicht befriedigt werden.
In Autobiographien erfolgreicher Menschen ist mir aufgefallen, dass sie allesamt noch im hohen Alter Interesse an Neuem hatten. Die Veränderungen in ihrem Umfeld fanden sie spannend und wollten daran teilhaben. Sie hatten gar keine Zeit, sich auf körperliche Einschränkungen zu konzentrieren oder darüber zu jammern, was früher vermeintlich besser war.
Neugier ist eng mit zwei weiteren Stärken verbunden: ‘Begeisterungsfähigkeit’ und ‘Liebe zum Lernen’. Die positiven Emotionen aus neu angeeignetem Wissen und Verhalten lassen uns lebendig und aktiv fühlen. Diese Einstellung hält jünger wie jedes Multivitamin-Präparat oder Ausdauerläufe. Die Neugier scheint ein Jugendelixier zu sein. Sind Ihre Begegnungen mehrheitlich geprägt durch einen spannenden Austausch von echtem Interesse, Meinungen und Erkenntnissen? Wie neugierig sind Sie wirklich, wenn Sie jemanden nach seinem Befinden oder seinen Themen fragen? Haben Sie noch den Mut oder die Musse, Neues auszuprobieren? Es muss ja nicht gleich eine Reise zum Nordpol sein. Eine Weiterbildung beginnen, neue Bekannte zum Essen einladen, eine ehrenamtliche Tätigkeit annehmen, ein Konzert unbekannter Stilrichtung besuchen, Tiere beobachten oder nur mal einen anderen Yoghurt auswählen – der Rat des Weisen Hazrat Inayat Khan wird Sie belohnen: «Tief im Meer ist Reichtum ohne Mass, doch suchst du Sicherheit, so bleib am Ufer.»








